Im Zuge der Historisierung von Theorie in den letzten Jahren, ist die Rolle von Übersetzungen sowie die vermittelnde Rolle der ÜbersetzerInnen bisher nur am Rande berücksichtigt worden. Doch für die Rezeption, Internationalisierung und Kanonisierung von Theorie spielen Übersetzungen eine entscheidende Rolle. Die Brisanz, die Theorie insbesondere in der intellektuellen und institutionellen Landschaft der Bundesrepublik von Anfang der 1960er bis Ende der 1990er Jahre entfalten konnte, hing zu großen Teilen an der Verfügbarkeit von Übersetzungen. Mit Blick auf den deutschsprachigen Kontext waren es vor allem der sogenannte französische Strukturalismus und Poststrukturalismus, der in den Programmen von Verlagen wie Suhrkamp, Merve, Matthes & Seitz, Turia & Kant, Brinkmann und Bose und Passagen im Zentrum stand.

Die Geschichte der Theorie im Hinblick auf ihre Übersetzungen zu untersuchen, rückt nicht nur eine bestimmte ‚Praxis‘ der Theorie in den Blick, sondern auch die Formen der Aneignung, die Pluralität der Kontexte, Gemeinschaften und Öffentlichkeiten, in denen Übersetzungen ihre Wirkung entfalten konnten. Wie die Arbeiten von Barbara Cassin und Emily Apter gezeigt haben, ereignen sich insbesondere in den Übergangszonen (translation zones) zwischen den (National-)Sprachen sowie im Umgang mit ‚unübersetzbaren‘ Begrifflichkeiten produktive Widerstände. Wo Übertragungen nicht reibungslos vonstattengehen, wo die Fragwürdigkeit eigener und fremder begrifflicher Klarheit zu Tage tritt, wirken diese Widerstände fort. Als richtungsweisende Interpretationen bieten Übersetzungen sowie der darstellerische Umgang mit Unübersetzbarkeiten einen privilegierten Zugang zum historischen Verständnis des Stils, der Verfahren und der Begriffe von Theorie-Texten. Dabei wird nicht nur das Echo des ‚Originals‘ vernehmbar, sondern auch der Klang jener diskursiven, hermeneutischen und publizistischen Strukturen, in die ein Text, ein Begriff, eine Metapher oder ein Wort als übersetztes überführt wurde. In der fortschreibenden, kommentierenden und transformierenden Arbeit der ÜbersetzerInnen wurden und werden Theorie-Texte für ein breiteres Publikum nicht nur zum ersten Mal, sondern zugleich auch noch einmal und auf andere Weise lesbar.
Die Überführung und Appropriation von Theorie in neue und andere Kontexte bedingt Verfremdungs- und Verdopplungseffekte, deren Historisierung erst am Anfang steht. So impliziert die konstitutive Nachträglichkeit von Übersetzungen auch eine spezifische Praxis des Vor- und Nachworts, in denen – man denke an Foucaults Vorwort zur deutschen Ausgabe von Les mots et les choses – keineswegs nur ein neues Publikum angesprochen wird, sondern die bisherige Rezeption eines Werkes selbst kommentiert wird. Davon ausgehend ist nach den politischen Implikationen im übersetzerischen Bezug auf andere Sprachen zu fragen sowie nach den publizistischen Mechanismen und editorischen ‚Standards‘ großer und kleiner Verlage, die zur Rezeption, zur Neuübersetzung sowie zum Vergessen bestimmter Texte geführt haben. Der in dieser Tagung erstmals unternommene Versuch einer Theorieübersetzungsgeschichte begreift Theorie als Geschichte ihrer Übersetzungen und rückt konkrete Verhältnisse, Akteure und Bezüge in den Blick, die über die Reziprozität von Eigenem und Fremden hinausgehen. Theorieübersetzungsgeschichte verschafft somit nicht nur einen neuen Zugang zu zentralen und peripheren Theorie-Texten, vielmehr soll sich in ihr auch die Beschaffenheit jener Diskurse erschließen, in denen Übersetzungen nachhallen oder verstummen, indem sie deren Geschichtlichkeit verdoppelt.

Tagungskritik in der FAZ

Programm

Donnerstag, 22.11. 2018

15.30-16.00: Wolfgang Hottner (FU Berlin): Einführung.

16:00-16.45: Antonia von Schöning (Universität Basel): Ada Lovelaces Notes of the translator – eine Urszene der Medientheorie

17.00-17.45: Andreas Hiepko (Berlin): Dispositiv und nacktes Leben. Diskursive Effekte von Nicht- und Rückübersetzung.

18.15-19-45: Podiumsdiskussion mit Johannes Kleinbeck (LMU München), Susanne Lüdemann (LMU München), Norbert Haas (Berlin und Restorf), Caroline Sauter (Frankfurt a.M.).

Freitag, 23.11. 2018

10.00-10.45: Marin Maurin (FU Berlin): Essay, übersetzen.

10.45-11.30: Klaus Birnstiel (Universität Greifswald): „Wie ein Antlitz aus Sand am Rande des Meeres?“ Bildstörungen der deutschsprachigen Poststrukturalismus-Rezeption (1960-1990).

Kaffeepause

12.00-12.45: Samo Tomsic (HU Berlin): 1966: année structualiste.

Mittagessen

14.30-15.15: Elena Stingl (FU Berlin): ‚Geraune‘ in der deutschsprachigen Bataille-Rezeption.

15.15-16:00: Esther von der Osten (FU Berlin): Vom Insistier. Wie Hélène Cixous (zu) Derrida übersetzt.

Kaffeepause

17.00-17.45: Philippe P. Haensler (Universität Zürich): „Le traducteur et son ombre“. Übersetzung als Ästhetik des Unzulänglichen.

18.15-19.45: Alexander García Düttmann (UdK Berlin): Der naive Übersetzer.

Samstag, 24.11. 2018

10:00-10.45: Oliver Precht (LMU München).: Von der Übersetzbarkeit. Zur Mehrsprachigkeit Derridas.

10:45-11.30: Judith Kasper (Europa Universität, Frankfurt/Oder): Käfer/Que faire. Philologie unter ‚falschen Freunden‘.

Kaffeepause

12.00-12.45: Marcus Coelen (Columbia University, New York): Unübersetzungen des Psychoanalytischen (Freud, Lacan).

Abschlussdiskussion, Abreise
Ort: Seminarzentrum, L 116
Gefördert von der Stiftung Preussische Seehandlung

Konzeption und Kontakt:
Wolfgang Hottner
Peter Szondi-Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft
Freie Universität Berlin
Habelschwerdter Allee 45

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