Zum Problem der Unübersetzbarkeit
(
unter der Leitung von Dieter Hornig)

Das Atelier zum Problem der Unübersetzbarkeit begann mit einer Vorstellungsrunde aller Teilnehmenden, in der konkrete Projekte der Zusammenarbeit von Übersetzenden und Wissenschaftlern zur Sprache kamen. So stellte Annika Schmidt-Glenewinkel das Berliner Netzwerk Soziotext vor. Dieses basiert auf der Grundlage der Tandemarbeit von Wissenschaftlern und Übersetzenden, wobei der Wissenschaftler als Fachlektor/in fungiert. Anschließend gab Dieter Hornig eine Einführung in die Geschichte der Übersetzung und verwies auf das Zukunftspotential jenes neuen Phänomens kollaborativen Übersetzens, das auch am Vortag, Übersetzerplattform TLHUB, zur Sprache gekommen war, und erinnerte an die Tradition von Kollektivübersetzungen wie etwa im mittelalterlichen Toledo.

In seinem sehr erhellenden philosophisch-historischen Abriß sprach Dieter Hornig auch die theoretischen Fragen des Ateliers an. Er verwies auf die fehlende Sichtbarmachung von Übersetzung in deren gesamter Geschichte, von wenigen Ausnahmen abgesehen. Das Unübersetzbare hatte in der Geschichte der Übersetzung(stheorie), wenn es überhaupt auftauchte und nicht verdrängt blieb, stets einen negativen Stellenwert. Von Platon und Aristoteles bis zum Pfingstwunder etabliert sich die Tradition einer Abwertung von sprachlicher Diversität, die auch die neuzeitliche Wissenschaft prägt, begonnen mit Bacons Bestrebungen zur Reinigung der Sprache bis hin zum Globish. Vor diesem Hintergrund wird das Unübersetzbare zu einem Prinzip der Nichtäquivalenz, wie Jean-Luc Nancy es nennen würde. Es wirft Sand ins Getriebe der reibungslosen Kommunikation (beziehungsweise deren Illusion, die auf der Leugnung des Verlusts beruht) und zeigt, wie verarmend der Wunsch nach einer solchen ist.

Über das Unübersetzbare nachzudenken heißt auch, sich von vereinnahmenden Auslegungen dieses Begriffs abzugrenzen. Es darf weder in einen nationalistischen Sinne verstanden werden, der auf der Einzigartigkeit der Nationalsprache beharrt, anstatt z. B. auf der des Idioms; noch im Sinne eines sakralisierenden Diskurses, der eine Sprache ob ihrer vorgeblichen Nähe zum Ursprung des Denkens überhöht wie Heidegger es tut.

Auch ist das Unübersetzbare keineswegs im Sinne einer Minderung der Lesbarkeit zu verstehen. Vielmehr kann die Entfaltung unübersetzbarer Verdichtungen die Lesbarkeit gegenüber dem Original sogar steigern. Und es könnte darum gehen, ein Unübersetzbares in der Lesbarkeit zu finden. Es würde die Lesbarkeit befragen und ein Moment des Unlesbaren im Lesbaren auftauchen lassen, eine Störung, die zur Verlangsamung der Lektüre führt, die wiederum den Raum des Denkens eröffnet. Damit wird das Unübersetzbare als „garde-fou contre la standardisation de la pensée“, wie Gisèle Sapiro es formulierte, zur Figur des Widerstandes gegen das Globish, jene neue lingua franca (nicht nur) der Wissenschaft, die auf der zunehmenden Verflachung und Undifferenziertheit des Wortschatzes und damit des Denkens einhergeht.

Wir erwogen die Möglichkeit, Übersetzungen sichtbarer zu machen, indem Übersetzer/innen sie mehr begleiten, beispielsweise Lesungen und Buchvorstellungen organisieren, bei denen sie zu Sprache und Textualität des Werkes Auskunft geben.

In der Frage wie Unübersetzbares in eine Übersetzung sich einschreiben ließe, stimmten wir über den Wert von Fußnoten überein, die ermöglichen, das semantische Potential wichtiger Begriffe zu entfalten. Auch die Lösung, der Übersetzung widerstehende Begriffe der Originalsprache in Klammern in den Text einzufügen, erlaubt, die sprachliche Arbeit und auch die kontextuelle Verschiebung zentraler Begriffe sichtbarer zu machen. Handelt es sich ‚nur’ um wiederkehrende Begriffe, die in unterschiedlichen Kontexten unterschiedliche Bedeutungen annehmen, läßt sich mit Klammern ein Mehr an Information für den Leser bieten, der im Originaltext über die signifikante Wiederkehr von Begriffen leicht hinwegliest.

Insoweit der wissenschaftliche Diskurs auf dem Phantasma der reibungs- und verlustlosen Kommunikation beruht, wird poetischen Verfahren in wissenschaftlichen Texten leider oft kein Eigenwert zugestanden. Übersetzung hat die Chance, auf die genuin poetische Arbeit des Denkens hinzuweisen. Wo dieses in Bewegung ist, folgt es dichterischen Verfahren, und dies könnten auch wissenschaftliche Übersetzungen deutlich machen. Hier gilt es Lösungen zu suchen, die über das Aufzeigen von Unübersetzbarem durch Angabe der Originalwörter hinausgehen. Deren Realisierbarkeit liegt allerdings auch am Verlag bzw. dem Lektorat, das meist auf rasche, „störungsfreie“ (und dabei ist es das Denken, was da stört, sind es Möglichkeiten, in und mit Sprache zu denken!) Konsumierbarkeit hin lektoriert. Die Aufgabe, ein Bewußtsein für dichterische Verfahren und Elemente in wissenschaftlichen Texten zu schaffen, ist auch diejenige von Übersetzenden.

Esther von der Osten

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